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Als Solo-Dev starten: Die ersten 90 Tage ohne Burnout

Als Solo-Dev starten: Die ersten 90 Tage ohne Burnout

Viele Founder erleben Burnout im ersten Jahr. Das muss nicht sein. Dieser Guide zeigt dir, wie du als Solo-Entwickler die kritischen ersten 90 Tage meisterst – mit realistischen Erwartungen, klaren Grenzen und einem System, das dich langfristig trägt.

Du hast den Sprung gewagt. Kein Chef mehr, keine festen Arbeitszeiten, du bist jetzt dein eigener Boss. Die Freiheit fühlt sich berauschend an – zumindest in den ersten Wochen.

Dann kommt die Realität: Kunden akquirieren, Code schreiben, Rechnungen stellen, Marketing machen, Support leisten. Alles gleichzeitig. Alles du allein.

Viele Gründer erleben Burnout im ersten Jahr. Und beschreiben ihre mentale Gesundheit als "schlecht" oder "sehr schlecht". Das sind keine Ausnahmen – das ist die Norm.

Aber es muss nicht so sein.

Dieser Guide zeigt dir, wie du die kritischen ersten 90 Tage als Solo-Entwickler überlebst – ohne dich dabei kaputtzumachen.

Die unbequeme Wahrheit über die ersten 90 Tage

Lass mich ehrlich sein: Die meisten "Wie ich in 30 Tagen 10k MRR erreicht habe"-Posts auf Twitter sind entweder Survivorship Bias oder Marketing.

Die Realität sieht so aus:

  • Monat 1: Du bist euphorisch, arbeitest 12-Stunden-Tage, weil alles neu und aufregend ist
  • Monat 2: Die Euphorie verfliegt, erste Zweifel kommen, du vergleichst dich mit anderen
  • Monat 3: Erschöpfung setzt ein, du fragst dich ob das die richtige Entscheidung war

Dieses Muster ist so vorhersehbar, dass Psychologen es den "Enthusiasm Trough" nennen. Und genau hier scheitern die meisten.

Der Schlüssel ist nicht, härter zu arbeiten. Der Schlüssel ist, von Anfang an nachhaltig zu arbeiten.

Das 90-Tage-Framework für nachhaltige Selbstständigkeit

Phase 1: Foundation (Tag 1-30)

Die ersten 30 Tage sind nicht zum Geldverdienen da. Sie sind dafür da, dein System aufzubauen.

Setze feste Arbeitszeiten – und halte sie ein

Klingt kontraintuitiv, oder? Du bist doch jetzt frei! Genau das ist das Problem.

Ohne Struktur verschwimmen Arbeit und Freizeit. Du checkst "kurz" Slack um 22 Uhr. Du arbeitest "nur noch diese eine Sache" am Sonntag. Bevor du es merkst, arbeitest du immer.

Mein System:

  • Arbeitszeit: 9:00 - 18:00 (mit echter Mittagspause)
  • Keine Arbeit nach 19:00
  • Mindestens ein komplett freier Tag pro Woche

Ja, das fühlt sich anfangs wie Produktivitätsverlust an. Langfristig ist es das Gegenteil.

Richte deinen Workspace ein

Trenne Arbeit und Privatleben räumlich. Das kann ein eigenes Zimmer sein, eine Ecke mit Schreibtisch, oder notfalls ein fester Platz am Küchentisch – aber immer derselbe.

Dein Gehirn braucht diese räumliche Trennung als Signal: "Jetzt ist Arbeitszeit" und "Jetzt ist Feierabend".

Definiere deine "Enough"-Zahl

Wie viel Geld brauchst du wirklich zum Leben? Nicht "wäre nice to have", sondern: Was sind deine fixen Kosten?

Diese Zahl ist dein Nordstern. Alles darüber ist Bonus. Diese Klarheit nimmt enormen Druck.

Phase 2: Validation (Tag 31-60)

Jetzt – und erst jetzt – geht es ans Eingemachte.

Das Minimum Viable Product (MVP)

Dein erstes Produkt muss nicht perfekt sein. Es muss ein Problem lösen. Das war's.

Die 7-Tage-Regel: Wenn du dein MVP nicht in 7 Tagen bauen kannst, ist es zu komplex. Streiche Features, bis es passt.

Ich weiß, das tut weh. Wir Entwickler lieben es, "richtig" zu bauen. Aber niemand zahlt für saubere Architektur. Menschen zahlen für gelöste Probleme.

Sprich mit echten Menschen

Bevor du eine Zeile Code schreibst: Rede mit 10 potenziellen Kunden. Nicht um zu verkaufen – um zu verstehen.

  • Was ist ihr größtes Problem in Bereich X?
  • Wie lösen sie es aktuell?
  • Was würden sie für eine bessere Lösung zahlen?

Diese Gespräche sind unbequem. Sie sind auch der Unterschied zwischen einem Produkt, das niemand will, und einem, das sich verkauft.

Der 90/10-Split

  • 90% deiner Zeit: Wert liefern (bauen, helfen, Content erstellen)
  • 10% deiner Zeit: Dein Produkt erwähnen

Dieses Verhältnis gilt für Reddit, Twitter, LinkedIn, überall. Niemand mag Spam. Jeder schätzt Hilfsbereitschaft.

Phase 3: Momentum (Tag 61-90)

Du hast ein Produkt. Vielleicht sogar erste Kunden. Jetzt beginnt die gefährlichste Phase.

Das "Mehr ist besser"-Trap

Dein erstes Feature-Request kommt rein. Dann das zweite. Dann das dritte. Plötzlich hast du eine Roadmap mit 47 Items und das Gefühl, nie fertig zu werden.

Stopp.

Frag dich bei jedem Feature: "Würden bestehende Kunden kündigen, wenn ich das nicht baue?" Wenn nein, kommt es auf die "Vielleicht später"-Liste.

Etabliere Recovery-Rituale

Bis hierhin hast du viel geleistet. Dein Körper und Geist brauchen Erholung – aktiv, nicht passiv.

Was funktioniert:

  • Bewegung (Spaziergang, Sport, egal was)
  • Zeit mit Menschen, die nichts mit deiner Arbeit zu tun haben
  • Hobbys, die nichts mit Bildschirmen zu tun haben

Was nicht funktioniert:

  • Netflix als "Entspannung" (ist passive Berieselung, keine Erholung)
  • "Ich entspanne mich, wenn das Projekt fertig ist" (es ist nie fertig)

Die Weekly Review

Jeden Freitag, 30 Minuten. Drei Fragen:

  1. Was habe ich diese Woche erreicht?
  2. Was hat mich gestresst oder ausgebremst?
  3. Was ändere ich nächste Woche?

Dieser kleine Feedback-Loop verhindert, dass du monatelang in die falsche Richtung rennst.

Warnsignale, die du nicht ignorieren darfst

Burnout kommt nicht über Nacht. Er baut sich auf. Diese Signale zeigen dir, dass du gegensteuern musst:

  • Du kannst nicht mehr abschalten, auch im Urlaub
  • Schlafprobleme, obwohl du müde bist
  • Zynismus gegenüber deinem eigenen Projekt
  • Körperliche Symptome (Kopfschmerzen, Verspannungen, Magenprobleme)
  • Du meidest soziale Kontakte

Wenn du mehr als zwei dieser Symptome hast: Handle jetzt. Nicht nächste Woche. Nicht nach dem Launch. Jetzt.

Das kann bedeuten:

  • Einen Tag komplett frei nehmen
  • Mit jemandem reden (Freund, Partner, Therapeut)
  • Dein Arbeitspensum radikal reduzieren

Kein Projekt ist deine Gesundheit wert.

Dein 90-Tage-Cheat-Sheet

Monat 1: Foundation

  • Feste Arbeitszeiten definieren
  • Workspace einrichten
  • "Enough"-Zahl berechnen
  • Steuerliche Grundlagen klären
  • Ein Gespräch mit potenziellem Kunden führen

Monat 2: Validation

  • 10 Kundengespräche führen
  • MVP in 7 Tagen bauen
  • Erste Version launchen (egal wie unperfekt)
  • Feedback sammeln und einarbeiten
  • Recovery-Rituale etablieren

Monat 3: Momentum

  • Erste zahlende Kunden gewinnen
  • Feature-Requests priorisieren (nicht alles umsetzen!)
  • Weekly Review einführen
  • Warnsignale monitoren
  • 90-Tage-Retrospektive machen

Fazit: Langsam ist schnell

Die erfolgreichsten Solo-Entwickler, die ich kenne, haben eines gemeinsam: Sie spielen das lange Spiel.

Sie arbeiten nicht 80 Stunden die Woche. Sie arbeiten fokussiert, erholen sich richtig, und machen das über Jahre.

Die ersten 90 Tage setzen den Ton für alles, was kommt. Nutze sie, um nachhaltige Gewohnheiten aufzubauen – nicht um dich zu verheizen.

Du baust kein Startup, das in 18 Monaten verkauft werden soll. Du baust ein Leben.

Behandle es auch so.


Bist du gerade in deinen ersten 90 Tagen? Oder planst du den Sprung in die Selbstständigkeit? Ich würde gerne von dir hören – schreib mir auf [Twitter/X] oder teile deine Erfahrung in den Kommentaren.